Was ist ein Entnahmeplan?
Ein Entnahmeplan (oder Auszahlplan) ist eine systematische Strategie, ein angespartes Vermögen über einen bestimmten Zeitraum monatlich auszuzahlen — typisch in der Rentenphase, bei einem Sabbatical oder bei der finanziellen Unabhängigkeit. Der Effekt: Du lebst von deinem Vermögen, während der nicht-entnommene Teil weiter Renditen erwirtschaftet.
Der Entnahmeplan-Rechner oben löst zwei klassische Fragen:
- „Wie lange reicht mein Geld?" — Du gibst dein Vermögen, deine geplante monatliche Entnahme und die erwartete Rendite an, der Rechner zeigt die Reichweite in Jahren.
- „Wie viel kann ich entnehmen?" — Du gibst dein Vermögen, eine Wunsch-Laufzeit und die erwartete Rendite an, der Rechner zeigt die maximal mögliche Monatsrate.
Die 4-%-Regel
Die 4-%-Regel ist die wohl bekannteste Faustformel aus der FIRE-Bewegung. Sie geht zurück auf die Trinity Study (William Bengen, 1994; spätere Erweiterungen 1998), die historische US-Aktienmärkte analysiert hat. Kernaussage:
Wer mit einem diversifizierten Aktien-/Anleihenportfolio (50–75 % Aktien) jährlich 4 % seines Startvermögens entnimmt — und diese Entnahme jährlich an die Inflation anpasst — hat über einen 30-Jahres-Zeitraum eine Erfolgswahrscheinlichkeit von rund 95 %.
Beispiel: Bei 1.000.000 € Vermögen bedeutet die 4-%-Regel 40.000 € jährlich = ca. 3.333 € monatlich. Klingt nicht spektakulär, ist aber inflationsindexiert und langfristig stabil.
Kritik und Anpassungen:
- Die ursprüngliche Trinity Study basierte auf US-Daten. Internationale Studien zeigen oft etwas geringere sichere Entnahmeraten (3–3,5 %).
- Bei längeren Lebensphasen (40+ Jahre, FIRE-Frührentner) ist eher mit 3,5 % zu rechnen.
- Bei niedrigeren Renditeerwartungen (z. B. nach 2008, 2020) wurden auch 2,5–3 % empfohlen.
Real vs. nominal — was du wirklich rechnen musst
Die wohl häufigste Fehlerquelle bei Entnahmeplänen: Anleger rechnen mit der nominalen Rendite (z. B. 7 % bei MSCI World) und vergessen die Inflation. Bei 3 % Inflation bleibt von 7 % nominal nur eine reale Rendite von 4 % übrig. Wenn du die Entnahme mit der Zeit nicht erhöhst, verlierst du jährlich an Kaufkraft.
Daher: Im Rechner immer die reale Rendite eintragen. Für ein typisches Welt-ETF-Portfolio sind das ca. 4–5 % real (nach 2–3 % Inflation). Mehr dazu im Inflationsrechner.
Sequenzrisiko (Renditereihenfolge-Risiko)
Ein oft unterschätztes Risiko: Die Reihenfolge der Renditen matters. Zwei Portfolios mit identischer Durchschnittsrendite können dramatisch unterschiedlich enden, je nachdem, ob die schlechten Jahre am Anfang oder am Ende der Entnahmephase liegen.
Beispiel: Wer mit 1 Mio € startet und in den ersten beiden Jahren je 30 % Verlust hat, steht bei 490.000 € — und bei laufender Entnahme von 40.000 €/Jahr fehlt das Kapital, um die Erholung mitzunehmen. Schutzmaßnahmen:
- Notgroschen / Cash-Puffer: 2–3 Jahre Lebenshaltungskosten in Tagesgeld parken — siehe Notgroschen-Rechner. In Crash-Phasen daraus entnehmen, nicht aus dem ETF-Depot.
- Flexible Entnahmen: In schlechten Börsenjahren weniger entnehmen, in guten mehr.
- Konservative Asset Allocation: Höherer Anleihen-Anteil senkt Volatilität.
- Spät-Glide-Path: Aktien-Anteil mit der Zeit reduzieren.
Steuern in der Entnahmephase
Auf Veräußerungsgewinne fällt in Deutschland Abgeltungsteuer (25 %) + Soli (5,5 %) + ggf. Kirchensteuer (8/9 %) an. Bei ETFs wird zusätzlich die jährliche Vorabpauschale auf bereits versteuerte Gewinne angerechnet — du zahlst also nicht doppelt.
Wichtig: Beim Verkauf wird per FIFO-Prinzip (First In, First Out) abgerechnet — die ältesten Anteile werden zuerst verkauft. Da diese die größten Gewinne haben, ist die Steuerlast in den ersten Jahren der Entnahmephase oft höher.
Sparer-Pauschbetrag (1.000 € / 2.000 €) sollte komplett ausgeschöpft werden — bei großen Vermögen reicht das aber nicht weit.
Verwandte Rechner
Sparplan-Rechner für die Anspar-Phase · Zinseszinsrechner für reine Einmalanlage · Notgroschen-Rechner für den Cash-Puffer · Inflationsrechner für die reale Kaufkraft · Vorabpauschale für ETF-Steuern in der Haltephase.
Häufige Fragen
Wie viel Vermögen brauche ich für die finanzielle Unabhängigkeit?
Faustregel nach 4-%-Regel: das 25-fache deiner jährlichen Ausgaben. Bei 36.000 € Jahresausgaben (= 3.000 € pro Monat) brauchst du also 900.000 €. Bei vorsichtiger 3,5-%-Regel: das 28,5-fache (= rund 1.030.000 € im Beispiel). FIRE-Anhänger berechnen das oft als „FI-Number".
Was bedeutet die 4-%-Regel?
Die 4-%-Regel besagt: Wer pro Jahr 4 % seines Startvermögens (inflationsangepasst) entnimmt, kann mit einem ausgewogenen Aktien-/Anleihen-Portfolio mit ~95 % Wahrscheinlichkeit 30 Jahre davon leben. Bei längerer Lebensphase oder konservativer Annahme: 3,5 % oder 3 %.
Mit welcher Rendite soll ich rechnen?
Für ein breites ETF-Portfolio (z. B. MSCI World oder FTSE All-World) sind 6–8 % nominale Rendite langfristig realistisch — abzüglich 2–3 % Inflation also 4–5 % reale Rendite. Im Entnahmeplan-Rechner immer die reale Rendite eintragen, sonst überschätzt der Plan.
Was ist das Sequenzrisiko bei Entnahmeplänen?
Das Sequenzrisiko beschreibt, dass die Reihenfolge der Renditen entscheidend für den Erfolg eines Entnahmeplans ist. Schlechte Jahre am Anfang der Entnahme sind viel gefährlicher als am Ende — das Kapital schrumpft schneller, als es sich erholen kann. Schutz: Cash-Puffer für 2–3 Jahre Lebenshaltungskosten und flexible Entnahmen.
Welche Rolle spielt die Inflation?
Eine sehr große. Wenn du nominal 3.000 € pro Monat entnimmst und die Inflation 3 % beträgt, hat dein Geld nach 20 Jahren nur noch die Kaufkraft von ~1.660 € heute. Daher: Entnahme jährlich an Inflation anpassen, oder gleich mit der realen Rendite (nach Inflation) im Rechner arbeiten.