Welchen Stundensatz brauche ich als Freelancer?
Die Stundensatz-Kalkulation ist eine der häufigsten und gleichzeitig am häufigsten falsch gemachten Berechnungen unter Selbstständigen. Wer sich am Bruttogehalt seiner letzten Festanstellung orientiert, verkalkuliert sich fast immer — denn Steuern, Sozialversicherung, Altersvorsorge und nicht-billable Stunden müssen vom Selbstständigen komplett selbst getragen werden, während sie beim Angestellten zum großen Teil vom Arbeitgeber übernommen werden.
Faustregel zur Orientierung: Ein Festangestellten-Bruttogehalt von 60.000 € pro Jahr entspricht einem Selbstständigen-Bedarf von etwa 110.000–130.000 € Jahres-Honorar-Umsatz. Das klingt viel, ist aber realistisch — alles darunter und du arbeitest unter Tarif.
Was muss in die Stundensatz-Kalkulation rein?
Die wichtigsten Posten:
- Wunsch-Netto: Was willst du am Ende auf dem Konto haben? Realistisch: orientieren am vorherigen Angestelltennetto + Aufschlag, weil die Selbstständigkeit Risiken hat.
- Steuern: Einkommensteuer + Soli + ggf. Kirchensteuer. Bei mittleren Einkommen ~25–30 %, bei höheren bis 40 %. Vereinfachung: Pauschalsatz im Rechner.
- Krankenversicherung & Pflege: Selbstständige zahlen den vollen Beitrag selbst. Privat ~500–1.000 €/Monat, freiwillig gesetzlich ~700–900 €.
- Altersvorsorge: Rentenversicherung ist für die meisten Selbstständigen nicht Pflicht — aber selbst aufbauen musst du. Faustregel: 10–15 % vom Brutto-Jahres-Einkommen.
- Berufshaftpflicht / BU / weitere Versicherungen: 50–200 €/Monat je nach Beruf.
- Büro / Coworking: 0 €/Monat (Homeoffice) bis 400 €/Monat (Coworking) bis 1.500 €/Monat (eigenes Büro).
- Software, Abos, Steuerberater, Buchhaltung: oft unterschätzt — 100–500 €/Monat.
Warum die billable-Auslastung der größte Hebel ist
Du hast nicht 40 Stunden pro Woche zum Verkaufen. Wirklich abrechenbar (billable) sind in der Regel nur 60–70 % deiner Arbeitszeit. Der Rest geht für:
- Kunden-Akquise, Pitches, Erstgespräche
- Angebotserstellung und Verhandlung
- Buchhaltung, Rechnungen, Mahnwesen
- Weiterbildung, Konferenzen, Networking
- Verwaltung: Steuern, Verträge, Tools-Setup
Kleine Verbesserungen bei der Auslastung haben großen Effekt: 65 % statt 60 % billable bedeutet 8 % mehr Umsatz bei gleicher Arbeitszeit. Tools wie Buchhaltungs-Software reduzieren die nicht-billable Last deutlich.
Stundensatz vs. Tagessatz
Viele Kunden bevorzugen Tagessätze (8 h-Pauschalen). Das hat Vor- und Nachteile:
- Pro Tagessatz: einfacher zu kalkulieren, weniger Diskussion, faire Bezahlung wenn du diszipliniert bist.
- Contra Tagessatz: bei kurzen Aufgaben (1–2 h) verschenkst du Zeit. Bei Überstunden (10–12 h) arbeitest du gratis. Tagessätze lohnen sich nur bei klar abgegrenzten Tagespaketen.
Faustregel: Tagessatz = Stundensatz × 8. Den Tagessatz zeigt der Rechner oben automatisch an.
Stundensatz-Bandbreiten in DACH
Grobe Richtwerte für 2026 (Junior bis Senior, je nach Branche):
- Beratung / Strategy: 100–250 €/h
- IT / Software-Entwicklung: 80–180 €/h
- Design / UX / Branding: 70–150 €/h
- Marketing / SEO / Content: 60–130 €/h
- Übersetzung / Lektorat: 50–100 €/h
- Coaching / Therapie / Training: 80–200 €/h
- Handwerk (Gewerk-abhängig): 50–120 €/h
Wer unter dem unteren Wert ankert, arbeitet meist unter den eigenen Kosten — auch wenn es sich oberflächlich nach „viel Geld" anfühlt. Der Rechner oben hilft, den eigenen Mindeststundensatz auszurechnen, statt Branchenwerte zu raten.
Buchhaltung als unterschätzter Kostentreiber
Viele Solo-Selbstständige verbringen 5–10 % ihrer Arbeitszeit mit Buchhaltung, Belegerfassung, Rechnungen, EÜR-Erstellung und Steuerberater-Kommunikation. Das sind bei einem Jahres-Honorar von 100.000 € locker 5.000–10.000 € verlorener Umsatz pro Jahr. Tools wie Lexware Office, sevDesk oder Buchhaltungs-Apps automatisieren das weitgehend — der Aufwand sinkt auf 1–2 % der Arbeitszeit, was sich oft schon im ersten Quartal amortisiert.
Häufige Fragen
Wie hoch sollte mein Stundensatz als Freelancer sein?
Hängt von Wunschgehalt, Fixkosten und Auslastung ab. Faustregel: Wer 60.000 € pro Jahr netto haben will, braucht einen Stundensatz von ca. 80–120 €/h bei realistischer Auslastung. Premium-Berater liegen bei 150–300 €. Der Rechner oben gibt dir den präzisen Wert für deine Situation.
Warum ist der Selbstständigen-Stundensatz so viel höher als das Angestellten-Brutto?
Weil du als Selbstständiger den gesamten Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung (~20 %), die volle Krankenversicherung, deine Altersvorsorge, Urlaub, Krankheit, Weiterbildung und Verwaltungsarbeit selbst bezahlst — und das alles aus deinen billable Stunden. Faustregel: dein Stundensatz sollte etwa 2× dein gewünschtes Stundennetto sein.
Was bedeutet „billable" Auslastung?
Der Anteil deiner Arbeitszeit, den du tatsächlich an Kunden in Rechnung stellen kannst. Realistisch sind 60–70 % — der Rest geht für Akquise, Buchhaltung, Weiterbildung und Verwaltung drauf. Wer 100 % ansetzt, kalkuliert sich selbst kaputt.
Lohnen sich Tagessätze statt Stundensätze?
Bei klar abgegrenzten Tagespaketen ja — einfache Kalkulation, weniger Verhandlung. Bei kurzen Aufgaben (unter 4 h) oder unklaren Aufträgen verlierst du aber Geld. Faustregel: Tagessatz = Stundensatz × 8.
Sollte ich bei kleinen Projekten Rabatt geben?
Eher nein. Kleine Projekte haben oft den höchsten Verwaltungs-Overhead pro Stunde (Akquise, Vertrag, Onboarding) — und sind deshalb intern teurer als große. Eher umgekehrt: Mindesthonorar pro Auftrag (z. B. 500 €), damit der Aufwand sich lohnt.